Montag, 20. August 2018 03:03
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Schulen

Erinnerung der Helbersdorfer Schule

Gedicht zu einem Klassentreffen 2008

Wisst Ihr noch, als Ihr vor 50 Jahren als ein buntes Völkchen zusammengewürfelt aus Helbersdorfer und Kapplern das erste mal mein Klassenzimmer, das gleich unten rechts neben der Schultür für euch reserviert war, stürmtet?
Na, von "stürmen" konnte da nicht so recht die Rede sein. Ein bisschen neugierig und schüchtern, die Eltern in Reichweite, suchtet ihr auch einen Platz auf meinen alten stabilen Holzbänken mit den verführerischen Tintenfässchen, die ihr leider noch nicht benutzen durftet.

Nun ging es mit der Schiefertafel ans Werk. Wie niedlich seid ihr kleinen Mädels damals gewesen. Letzter Modehit war "Hahnenkammrolle" und Faltenröckchen und ihr Jungs zeigtet euch in kurzen Hosen mit langen Strümpfen, die natürlich an einem Leibchen befestigt waren.
Der alte Lehrer Krisch betrachtete euch alle mit seinem väterlichem Blick, die Nickelbrille auf der Nase und mit akkuratem Mittelscheitel und dachte so bei sich: "Aus denen will ich doch auch ein paar ordentliche Menschen machen."

Natürlich gab es für euch trotz karger Zeiten und Nachkriegsengpässen eine Zuckertüte gefüllt mit selbstgebackenen Haferflockenmakronen, Fondant und Äpfeln. Schokoladentafeln waren damals eine Seltenheit.
Ein Mädchen hatte sogar ein paar Würfelzucker drin, die sie sofort dem Klapperstorch opfern wollte, damit dieser endlich das sehnlichst gewünschte Schwesterchen bringen sollte. Erinnert ihr euch, der Zuckertütenbaum hing hinten oben links im Schulhof?

Bald begann dann für euch der Ernst des Lebens und nach kurzer Zeit konntet ihr euch nicht mehr von den anderen Schülern unterscheiden. Ihr brülltet und tolltet genau wie die Anderen in meinem Haus und auf dem Hof herum. Manchmal wackelten auch meine nicht mehr ganz jungen Wände ganz schön, denn ich hatte ja schon das 60. Jahr meiner Erbauung hinter mir. An manchen Stellen bröckelte dabei auch immer mal der Putz ab.

Als die schreckliche Kriegszeit endlich vorbei war und ich im Wesentlichen unbeschädigt meine Türen wieder weit für euch alle öffnen durfte, hatte sich vieles verändert.
Nicht nur viele neue Schüler, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte und die aus dem "Osten" vertrieben waren, kamen, nein auch neue Lehrer aus der Gefangenschaft zurückgekehrt oder aus Betrieben und Bergwerken unterrichteten euch. Einige waren vorher noch nie Lehrer gewesen und büffelten genau wie ich den Unterrichtsstoff, den sie euch bieten mussten.
Es waren schon "tolle" Typen dabei. Doch auch trennte sich auch hier die Spreu vom Weizen. Nur der Hausmeister ging immer von Zimmer zu Zimmer und feuerte fleißig. Etwas Brennbares für meine Öfen war immer da. Meine Klo's hinterm Schulhaus machten mir mehr zu schaffen - sie "muffelten" stets vor sich hin.

Die beiden Eichen vor meinem Haus hatten sich zu stattlichen Bäumen entwickelt und dämpften manchen Redeschwall, der besonders beim "Schwedemann Unterricht" aus dem Zimmer oben links kam. Hungern brauchte zu eurer Zeit keiner mehr – es gab bereits wieder genug Brot und Schulspeisung. In der Pause sauste schon mal einer zum Oschatzladen, um sich einen Lutscher zu holen oder beim Wüschner Bäcker wurden Kuchenrindeln erstanden.

So vergingen die Jahre. Die Russischlehrer kamen und die Jungen Pioniere. Auf dem Schulhof spieltet ihr noch immer Völkerball und "Fanger", übtet mit Herrn Schorr Pferdsprünge und das Erklimmen der Kletterstange.
Dann war es soweit. Aus den unscheinbaren kleinen “Leibschenträgern“ hatte ich euch zu ansehnlichen jungen Leuten heraus gemausert. Die Mädchen trugen die ersten ¾ Hosen mit karierten Aufschlägen und die Jungs hofften, sich bald rasieren zu müssen.
Allgemein wusstet ihr, was ihr wolltet und machtet meinen Lehrern alle Ehre. Jeder von euch ging dann seinen eigenen Weg.

Und wie ist es mir ergangen? Der Zahn der Zeit hatte ja ganz schön an mir genagt. So peu à peu wurden deshalb meine Klassenzimmer verschönert und meine anrüchigen Klo´s erneuert. Als meine Holzbaracken- Klassenzimmer eines schönen Tages lichterloh brannten, tat mir das schon sehr weh. Ihr ward ja dabei. Aber bald entstand ein neuer massiver Flachbau mit schöneren Räumen.

Als dann eines Tages Bagger um mich herum rumorten und Kräne Tag und Nacht quietschten, damit neue Plattenbauhäuser auf dem Helbersdorfer Hang entstehen konnten, guckte ich recht erwartungsvoll hinter meinen beiden Eichen hervor und rechnete mir schon insgeheim aus, wie neue Schüler meine alten Mauern bis zum Bersten füllen würden…

Aber es kam ganz anders, denn die Feststellung "ich könne den Schülern nicht mehr die nötige Sicherheit geben", bedeutete das Ende meines Schulhausdaseins. Was soll nun so ein altes Haus wie ich noch machen? Ist es ein Trost, wenn man als Außenlager der Barkaswerke genutzt wird? – oder ich Ohrenschmerzen vom Gedröhne der Disco bekomme?

Als mein Dach eines Tages wieder einmal lichterloh brannte, war mir schon alles egal und ich sah gefasst meinem Abriss entgegen. Aber es geschah doch noch ein Wunder!
Mit der "Wende" kam auch für mich noch einmal eine Wende. Gerüste umhüllten mich innen und außen. Monatelang wurde gebohrt, gehämmert und gebaut. Es blieb kein Stein unberührt – ich wurde rundum erneuert – aber leider nicht dazu, wieder in alter Schönheit Schule sein zu dürfen.

Eine Gebäudewirtschaftsgesellschaft hat mich jetzt bezogen und es ist sehr still geworden. Mein neues Tor öffnet sich wahrscheinlich nie wieder für meine geliebten Schüler.
Trotzdem grüße ich heute alle ganz herzlich als meine

EHEMALIGEN SCHÜLER
Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir im Vorbeifahren ab und zu mal zuzwinkert oder zuwinkt…

Autor: unbekannt

Bilderchronik der Helbersdorfer Schule

KIKO

Auf diesem Bild von 1912 ist die Helbersdorfer Schule 30 Jahre.


KIKO

Schon 50 Jahre ist die Schule auf dieser historischen Postkarte.


KIKO

Bereits 123 Jahre ist die Schule auf diesem Bild von 2005


KIKO

126 Jahre hat die Schule im Dezember 2008 auf dem Buckel.


KIKO

Ein Bild vom November 2013.


Stand: Mai 2014